Armin Hermann
Physiker
"Unfreundlich und launenhaft war die Natur. Hart musste ihr
abgerungen werden, was der Mensch brauchte, um sein Leben zu
fristen. Im Schweiße seines Angesichts aß er sein Brot.
Die Alten erzählten von den Plagen, mit denen Gott die Welt
heimsuchte. Nur kurz war die Spanne Zeit, die er dem Menschen
zugemessen hatte, aber sie reichte aus, um zu erfahren, was
Epidemien bedeuteten, Missernten und Viehseuchen, Feuersbrunst,
Dürre und Heuschreckeneinfall. Bauern und Bürgern schickten sich
in das Unvermeidliche und dankten Gott, wenn die Katastrophe
halbwegs überstanden war. Als die historische Forschung begann,
ihr Augenmerk auch auf die gewöhnlichen Zeitgenossen und nicht
mehr nur auf Könige und Heerführer zu richten, entstand
allmählich ein ganz neues und wahrlich ernüchterndes Bild der
Lebenswirklichkeit früherer Epochen. Im Mittelalter und noch bis
in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Welt ein Jammertal,
und zu jedem Augenblick musste der Mensch seines letzten
Stündleins gewärtig sein [...]
Aus Zehntausenden von [Kirchenbuch-]Eintragungen [...] hat der
Sozialhistoriker Arthur E. Imhof in einer »Fallstudie«
das Resümee gezogen:
»Für unsere Vorfahren war der grobschlächtig verfahrene Tod eine
selbstverständliche Erscheinung in ihrem Alltag. Mittels einer Handvoll
immer wiederkehrender Todesursachen: Pocken, Bauchtyphus, Fleckfieber,
Cholera, Pest schlug er überall zu, in jedem Alter, in jedem Stand; er
traf Männer wie Frauen, Säuglinge und Kinder, Verheiratete und
Ledige.«
Dann schuf sich der Mensch die Wissenschaft.
Bezwungen wurden die Pest, die Cholera und all die anderen großen
Seuchen, die ehedem Hunderttausende in wenigen Tagen dahingerafft hatten.
Wasser- und Windmühlen befreiten den Menschen von der ärgsten
Fron. Am eigenen Leibe spürten die Zeitgenossen, was Fortschritt
bedeutete."
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